Die parakletische Seelsorge

Paraklese oder die befähigende Seelsorge

Die parakletische Seelsorge

Im Zusammenhang mit einer seelsorgerlichen Begleitung, taucht immer wieder der Begriff “Paraklese” auf.

In der christlichen wie in der nicht-christlichen Seelsorge ist damit nicht nur die Begleitung gemeint, sondern vor allem eine Methode zur Befähigung des Ratsuchenden, den für ihn richtigen Lösungsweg in jeweils aktuellen Lebensfragen und Problemstellungen zu finden. Insofern ist parakletische Seelsorge darauf angelegt, dass der Begleitete in einem Prozess der Selbsterkenntnis gestärkt und, im Blick auf die eigene Situation, in die Lage versetzt wird, anstehende Fragen zu beantworten. Entscheidungen zu treffen, durch die eine positive Weiterentwicklung ermöglicht wird, ist hier das Ziel.

Definition Paraklese

Der Begriff „Paraklese“ stammt aus dem Griechischen (Παράκλησις/παράκαλέω) und wurde von „parakleo“ abgeleitet. Die ursprüngliche Bedeutung im engeren Sinne ist „Ermuntern“, „Ermahnen“, „Auffordern“ oder auch „Trösten“. Damit war in der urchristlichen Gemeinde eine gegenseitige Seelsorge gemeint, die sich vor allem im gottesdienstlichen Leben zeigen sollte. Paraklese wird auf diesem Hintergrund häufig mit dem ebenfalls aus der griechischen Sprache stammenden Begriff „Paränese“ ( παραίνεσις) in Beziehung gesetzt. Paranese wurde zwar auch mit „Ermunterung“ oder „Rat“ übersetzt, spielte aber vor allem in der Bedeutung von „Warnung“ bzw. „ermahnende Rede“ im Rahmen urchristlicher Predigten eine Rolle. In den Gemeinden fand die Paranese also hauptsächlich in gottesdienstlichem Rahmen in Form von Predigten mit moralischem Inhalt ihre Anwendung. Im Gegensatz dazu hatte die Paraklese nicht in erster Linie die Aufgabe, zu ermahnen oder z! u warnen, sondern stand für Begleitung und Befähigung. Auch in der Griechisch-Orthodoxen Kirche spielt die Paraklese eine wichtige Rolle. Sie wird beispielsweise in Bittgottesdiensten in Form eines Bittkanons („Molebnyj = Kanon“) verwendet, der der Mutter Gottes oder verschiedenen Heiligen gewidmet ist.

 

Geschichte der Seelsorge

Um den Ansatz der parakletischen Seelsorge zu verstehen, bedarf es eines Blickes in die geschichtliche Entwicklung, denn die heute angewandte christliche Seelsorge hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert und weiterentwickelt. In der Heiligen Schrift findet sich kein Wort, welches den Begriff der Seelsorge beschreiben würde. Die urkirchliche Seelsorge sah es als Hauptaufgabe an, die Christen vor der Sünde zu bewahren und sie so auf die Endzeit vorzubereiten. Die ersten echten Formen von seelsorglicher Begleitung finden sich dann in klösterlichen Gemeinschaften und bei den Wüstenvätern. Hinweise darauf finden sich beispielsweise in der Korrespondenz von Basilius von Ancyra oder Gregor von Nazianz. Für die Seelsorge des Mittelalters stand dann vor allem die Feier des Bußsakramentes im Fokus, die reformatorische Seelsorge eines Martin Luther legte dagegen größeren Wert auf die durch Gott geschenkte Vergebung und den Trost. Wichtige Impulse für die Seelsorge gab der Pietismus, weil er das persönliche Gespräch zu einem wichtigen Bestandteil der Seelsorge machte.

Der protestantische Theologe und Pädagoge Georg Schleiermacher zeigte mit der Begründung der Praktischen Theologie im 19. Jahrhundert der Seelsorge neue Wege auf. Schleiermacher ging es in erster Linie um die Anerkennung der Mündigkeit und Freiheit des Einzelnen. In den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelte der US-amerikanische Theologe A.T. Boisen das Konzept des „Clinical Pastoral Training“ (klinisch-pastorales Training). Sein Ansatz verband die Seelsorge mit der Pädagogik und der Psychologie. Dieses Denken gewann auch in Deutschland um die Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts immer mehr an Gewicht und führte zur Begründung der Pastoralpsychologie. Der bekannte deutsche Theologe Eugen Drewermann nahm dieses Konzept auf und begründete den Ansatz der tiefenpsychologischen Bibelauslegung.

 

Parakletische Seelsorge rückt den Menschen ganz in den Mittelpunkt

Die parakletische Seelsorge ist eine Form der Lebenshilfe, die durchaus psychotherapeutische Ansätze beinhalten kann. Diese finden sich in der Pastoralpsychologie, die den Ansatz des US-amerikanischen Psychotherapeuten und Psychologen Carl Rogers aufgegriffen hat. Von ihm wurde die klientenzentrierte Gesprächstherapie als Methode der pädagogischen Gesprächsführung entwickelt. Dementsprechend wird in der parakletischen Seelsorge der Mensch in seiner Lebenssituation seelsorgerisch begleitet, erhält Rat und Trost und wird zur Problemlösung befähigt. In diesem Prozess werden ihm weder Tempo noch Themen für die seelsorgerlichen Gespräche vorgegeben. Die Entscheidung, wie und womit er sich einbringt, liegt allein bei ihm. Damit er seine Situation verändern kann, ist neben der Ermutigung und der Aufforderung auch der Hinweis auf seine Stärken und Fähigkeiten notwendig. Jeder Seelsorger sollte sich allerdings stets bewusst sein, dass die parakletische Seelsorge auch ihr! e Grenzen hat. Ihre Möglichkeiten sind ausgeschöpft, sobald deutlich wird, dass dem Ratsuchenden nicht mehr durch Seelsorge geholfen werden kann, sondern nur noch durch eine Therapie bei einem ausgebildeten Psychologen.

 

Auswirkung auf die Seelsorge

Begleiteten sich in den frühen christlichen Gemeinden die Mitglieder gegenseitig, so ist diese Aufgabe im Laufe der Geschichte immer stärker an die Funktion der Seelsorger gebunden worden. Die Paraklese wird heute als eine Methode der praktizierten Seelsorge genutzt. Daraus ergeben sich folgende Handlungsfelder für die parakletische Seelsorge:

  • Auf die Seele und Sorge direkt und individuell eingehen. Der Begriff Seele wird von vielen Theologen heute als Synonym für Leben verwendet. Das hebräische Wort „näfäsch“ (נֶפֶשׁ; griech. ψυχή = Psyche) bedeutet ursprünglich „Hauch“ oder „Atem“, wurde dann mehr und mehr herangezogen, um zu beschreiben, was den Menschen zu einem lebenden Wesen macht und schließlich stand „näfäsch“ für den lebendigen Menschen selbst. Insofern beinhaltet parakletische Seelsorge immer die Sorge um den ganzen Menschen.
  • Dem leidenden Menschen Trost zu spenden. Paraklese bedeutet auch so viel wie trösten. Gerade bei einem Verlustereignis (Tod, Trennung) suchen viele Menschen die Begleitung durch einen Seelsorger. Deshalb ist das Spenden von Trost als ein integraler Bestandteil der parakletischen Seelsorge anzusehen. Dazu ist es notwendig, dass der Begleiter in einer offenen Hinwendung zum Begleiteten wahrnimmt, worin der Grund für das Bedürfnis nach Trost besteht. Wenn ihm dies gelingt, ist er in der Lage, die Situation korrekt einzuschätzen, adäquat zu reagieren und die richtigen Worte oder auch liturgischen Handlungen (z.B. Segnung oder Gebet) zu finden.
  • Beistand zu leisten und ihm wieder Kraft zu geben. Viele Menschen geraten in Situationen, in denen sie sich mit Lebensfragen befassen möchten oder müssen. Da der Blick auf solche Fragen durch Subjektivität meist eingeengt ist, werden nicht selten Seelsorger angefragt und um Hilfe gebeten. Eine parakletisch orientierte Seelsorge übernimmt hier zweierlei Aufgaben. Einerseits soll sie dem Begleiteten vermitteln, dass er mit seinen Fragen nicht alleine dasteht, sondern dass der Seelsorger an seiner Seite steht. Andererseits wird es dem Begleiter ein Anliegen sein, dem Ratsuchenden in dieser Zeit Kraft zu geben. Dies kann durch einfaches Zuhören ebenso geschehen, wie durch fürbittendes Gebet oder kompetenten Rat.
  • Bei Problemen einen Lösungsweg zu finden. In der parakletischen Seelsorge liegt ein Schwerpunkt auf dem Bemühen, dem Begleiteten aufzuzeigen, wie er selbst mit Problemen umgehen und adäquate Lösungen finden kann. Der Seelsorger übernimmt also nicht selbst die Rolle des Problemlösers, sondern unterstützt lediglich das Bemühen dessen, den er begleitet. Dies gelingt ihm vor allem durch wohlwollende Hinwendung, einen offenen Blick für die seelische Gesamtsituation des Ratsuchenden und intensive Gespräche. Ein wichtiger Aspekt der Befähigung ist das Bewusstmachen der eigenen Stärken, da diese ein Schlüssel für eine veränderte Selbstwahrnehmung sein können, aus der heraus der Ratsuchende sein Handeln neu zu bewerten und zu strukturieren vermag.

Paraklese, ein alter Begriff moderner den je

Paraklese ist zwar ein Begriff aus frühchristlicher Zeit, hat sich aber über den zeitlichen Kontext hinaus gewandelt und besitzt auch in unserer Zeit noch große Bedeutung. Ins Heute übersetzt tauchen sie z.B. bei Begriffen wie “soziale Fähigkeiten” oder „soziale Kompetenz“ wieder auf. Dies macht deutlich, dass der alte Begriff der Paraklese nichts von seiner Wirkkraft verloren hat und die parakletische Seelsorge bei Themen der modernen und stärkenorientierten Beratung hilfreich sein kann.

 

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