Alfred Adler und seine Theorien zur Individualpsychologie

Die Individualpsychologie nach  Alfred Adler (1870 – 1937) gehört neben der Freudschen Psychoanalyse heute zur wichtigsten tiefenanalytisch fundierten Psychotherapie, die besonders wegen des ganzheitlichen Menschenbildes auch in der Seelsorge große Bedeutung erlangt hat.

Stärkenorientierung in der Seelsorge

„Der Mensch ist von Natur aus nicht böse. Was auch ein Mensch an Verfehlungen begangen haben mag, verführt durch seine irrtümliche Meinung vom Leben, es braucht ihn nicht zu bedrücken; er kann sich ändern. Er ist frei, glücklich zu sein und andere zu erfreuen.“ (Josef Rattner, Die Individualpsychologie Alfred Adlers, Kindler Taschenbücher 1980, S. 17).
Dieses Zitat zeigt das positive, optimistische und ganzheitliche Menschenbild, das Fundament der Individualpsychologie. Episoden in der Biografie Alfred Adlers weisen auf diese Einstellungen hin.

Das Minderwertigkeitsgefühl – ein psychischer Antrieb zum Selbstbewusstsein

Als Kleinkind musste Adler eine schwere Rachitis überstehen, sodass er erst mit vier Jahren laufen konnte. Im Alter von fünf Jahren erkrankte er an einer Lungenentzündung, an der er beinahe gestorben wäre. Diese Schicksalsschläge waren unter anderem der Grund, Medizin zu studieren. Das Gefühl der Minderwertigkeit durch seine frühkindlichen Behinderungen war sicherlich eines der Motive zu seiner späteren These von der „Organminderwertigkeit“. Menschen, die aufgrund einer Organschwäche unter Minderwertigkeitskomplexen leiden, können jedoch durch Kompensation besondere Stärken und somit ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln. Minderwertigkeitsgefühle können der Motor zum Streben nach Macht und Überlegenheit, aber auch ein Antrieb zum selbstbewussten Handeln zum Wohle der Mitmenschen sein.

Adler kontra Freud – die wesentlichen Differenzen

Während seines Studiums der Psychiatrie schloss sich Adler 1902 der Diskussionsgruppe Sigmund Freuds an. Obwohl sich beide Psychotherapeuten trotz grundlegender Meinungsverschiedenheiten zunächst gut verstanden, trennte sich Adler im Jahre 1911 vom „Vater der Psychotherapie“. Er gründete den „Verein für Individualpsychologie“. Was waren nun die Differenzen, die letztendlich zum Bruch führten? Adler verwarf die Theorie Freuds, nach der psychische Störungen im Erwachsenalter auf kindliche Fehlentwicklungen in der Sexualität zurückzuführen sind. Er wandte sich gegen die Theorie von der „Libido“ und vom „Ödipuskomplex“. Außerdem lehnte Adler Freuds patriarchalische Haltung ab. Er glaubte an die Gleichwertigkeit beider Geschlechter und verurteilte die Unterdrückung der Frau.

Heilung von Egoismus und Machtwahn – hin zum Gemeinschaftsgefühl

Als Militärarzt während des Ersten Weltkrieges erfuhr Alfred Adler den zerstörerischen Machtwahn der Herrschenden und erkannte, dass der Mensch radikal umdenken müsse, um die Welt zum Positiven verändern zu können. So widmete er sich nach dem Krieg vor allem der Erziehung der jungen Menschen zur Kooperationsfähigkeit. Statt sich zu bekämpfen, sollten sie miteinander friedlich kommunizieren können. Adler begann, mit seinen Mitarbeitern die Wiener Schulen zu reformieren. Er versuchte, das autoritäre Machtverhältnis der Lehrkräfte gegenüber den Schülern abzubauen und stattdessen gleichberechtigte Lerngruppen aufzubauen. Adler legte großen Wert auf die Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls. In Erziehungsberatungsstellen lernten Eltern, Lehrer und Erzieher einen entspannteren Umgang mit den Schutzbefohlenen. Adler wurde als bedeutender Kinderpsychologe international geschätzt und machte sich auch als Familientherapeut einen Namen.

Abschließende Betrachtung

Die Individualpsychologie nach Alfred Adler ist unter anderem eine Lehre von der Gleichheit aller Menschen, vom friedlichen Umgang miteinander in einer Welt, in der Unterdrückung, Egoismus und Machtstreben nicht mehr die Oberhand besitzen. Die Psychotherapie nach der Lehre Adlers soll diese Ziele realisieren. Ein Wunschdenken in dieser ökonomisierten Welt?

 

Artikelserie Alfred Adler und die Individualpsychologie

Biographie Alfred Adlers, der Begründer der Individualpsychologie

Die Individualpsychologie in der Seelsorge

 

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